"Liberation-Art-Project"
Liberation Art Project
Konzept, Organisation, Leitung (Kuratoren):
Mag.art Josef Schützenhöfer Univ.-Prof. Dr. Klaus Zeyringer
Schloss 1; 8225 Pöllau Seidengasse 29/23; 1070 Wien
klzeyringer@hotmail.com
(© bei den Künstlerinnen und Künstlern, Autorinnen und Autoren – mit Ausnahme des
Fundus Liberation Art Project, dessen © das Projekt hat)
1. Ein vielschichtiges Programm, eine soziale Skulptur
Das Liberation Art Project (anbei Kurzbio von einigen Beteiligten) ist von Josef Schützenhöfer (Bildender Künstler) und Klaus Zeyringer (Univ.-Prof., Literaturkritiker) in Auseinandersetzung mit einem – von großen Teilen der Bevölkerung und von deren gewählten Vertretern – unreflektierten Umgang mit der Vergangenheit in der oststeirischen Marktgemeinde Pöllau entwickelt worden. Es wird mit der aktiven Unterstützung zahlreicher Persönlichkeiten aus Österreich und anderen Ländern (anbei Liste Personenkomitee), insbesondere mit der finanziellen sowie konzeptuellen Hilfe der Steirischen Kulturinitiative und ihres Geschäftsführers Herbert Nichols-Schweiger (Graz) durchgeführt.
Das Projekt soll über Jahre betrieben werden, jedenfalls bis
+ das „Museum in Progress“ einen breiten Bestand aufweist,
+ Liberation-Ausstellungen auch in den USA und in ein, zwei osteuropäischen Ländern gezeigt werden konnten,
+ das Kunst-Mal Liberation-45, das laut Gemeinderatsbeschluss nicht im Pöllauer Schlosshof stehen darf (man müsse den Kameradschaftsbund „um Erlaubnis fragen“), dort als Gegenpol des Kriegerdenkmals seinen Platz findet.
Das Liberation Art Project läuft seit Winter 2010/11 (Vorarbeiten seit längerem), konkret mit
- dem Besuch bei überlebenden Fliegern, der Überbringung der ersten Bücherlieferung der Library of Friendship an die Alfred University, N.Y., und den Präsentationen im März 2011 in den USA; Postkartenaktion: Versendung von hunderten Library-of-Friendship-Karten (anbei ein Exemplar);
- dem Beginn der Dreharbeiten (in den USA) des Dokumentarfilms Preis der Freiheit von Andreas und Renate Meschuh (Art Media Graz);
- dem Besuch des überlebenden Fliegers William Sutton in der Steiermark im Mai;
- der Präsentation und Enthüllung des Liberation-45-Kunst-Mals (anbei Photo) in Pöllau am 18. Juni 2011 (vor 200 Personen; zahlreiche Medienberichte – Anfang August wurde das Kunst-Mal beschädigt, indem es zum Teil besprayt und destabilisiert wurde);
- den ersten Kunstwerken für den Fundus Liberation Art Project
(zu „Aggression/Kooperation, Krieg/Frieden, Opfer/Täter“ hinterlässt jeder beteiligte Künstler, jede beteiligte Künstlerin aus diversen Sparten ein Werk in Pöllau, ob Bild oder Skulptur, Photo oder Text, Musikstück oder ... – die dann sukzessive in die Ausstellungen integriert werden und ein „Museum in Progress“ bilden):
in den USA im März geschaffene Gemeinschaftsdrucke von W. Contino, E. Hines, D. Hoagg, J. Schützenhöfer und ein in Pöllau gemaltes Tafelbild von E. Hines.
Mittlerweile ist es eine „soziale Skulptur“: ein vielschichtiges künstlerisches und gesellschaftliches Projekt, an dem Künstler verschiedener Sparten (u.a. WERKSTADT GRAZ; Photo-Installations-Künstler Ruth Anderwald und Leonhard Grond), Wissenschaftler und Interessierte aus vielen Bereichen beteiligt sind.
Nach der Präsentation und Enthüllung des von Will Contino, Emily Hines, Douglas Hoagg (alle USA) und Josef Schützenhöfer geschaffenen Kunstwerks Liberation 45 in Pöllau ist das Liberation Art Project
- bei den Oberösterreichischen Kulturvermerken am 15. Oktober 2011 präsent.
- Fixiert sind:
* eine Präsentation des zeithistorischen Forschungsprojekts „Alliierte Flieger – Abstürze im 2. Weltkrieg im Gebiet des heutigen Österreich“ (Leitung Helmut Konrad, Univ. Graz; Durchführung Georg Hoffmann)
+ Kunstbeitrag (Lesung oder Bilder oder Jazz): Pöllau, Februar 2012.
* eine große Multi-Media-Ausstellung im Grazer Stadtmuseum im April 2012
zum Oberthema „Aggression/Kooperation, Krieg/Frieden, Opfer/Täter:
Liberation-45-Kunst-Mal; Werke für das Liberation Art Project von W. Contino, E. Hines, D. Hoagg, J. Schützenhöfer; Photo-Installationen von R. Anderwald und L. Grond; eine Library-of-Friendship-Installation von Werkstadt Graz (J. Baur und B. Edlinger); Trailer des Dokumentarfilms Preis der Freiheit (A. und R. Meschuh); Wortdokumentation Liberation Art Project (K. Zeyringer); Ton-Installation.
* eine Präsentation des Liberation Art Project unddes zeithistorischen Forschungs-projekts „Alliierte Flieger – Abstürze im 2. Weltkrieg im Gebiet des heutigen Österreich“
im Mai 2012 in München, veranstaltet vom Amerika-Institut an der Universität München und vom Institut für Zeitgeschichte.
* die Beteiligung an MARIBOR 2012 KULTURHAUPTSTADT EUROPAS; Oktober 2012 (anbei Konzept):
eine Ausstellung und einer Veranstaltung: österreichische und slowenische KünstlerInnen, SchriftstellerInnen und JazzerInnen (aus Österreich fix die Jazzer Wolfgang Puschnig, Christian Maurer; Literatur: angefragt Anna Kim, Robert Menasse; Kurator: Aleš Šteger – alle im Personenkomitee!).
In Planung sind
- eine Kunst/Literatur-Veranstaltung und ein Benefiz-Fußballspiel (in Zusammenarbeit mit Gilbert Prilasnig, Ex-Teamspieler, und Jörg Zeyringer, Sportpsychologe) im Juni 2012 in Pöllau.
- Ausstellungen (Kunst-Mal, weitere Kunstwerke, Photos, Dokumentarfilm, Wort-Dokumentation) in Wien, New York, an einer US-Universität, in der Ukraine... (inzwischen kehrt Liberation 45 immer nach Pöllau zurück);
Angestrebt sind
* mindestens zwei Sommerstipendien, zunächst für Bildende Kunst und Literatur (Oberthema Miteinander – Gegeneinander), eines für StipendiatIn aus den USA oder Frankreich oder Großbritannien, eines für StipendiatIn aus Ukraine oder Slowenien.
* ein Sommerkurs für KunststudentInnen der Alfred University, N.Y., in Pöllau und Istrien
Vorbereitet wird
* ein wissenschaftliches Projekt im Zusammenarbeit mit der Universität Graz, das soziologisch-zeithistorisch untersucht, wie im Pöllauer Tal die Nazi- und Kriegszeit gesehen wird und vor allem, wie die Debatten und Meinungsbildungen bei den Kontroversen um die Aufstellung des Kunst-Mals Liberation 45 verlaufen (Einreichung, Leitung: Helmut Konrad, Dieter Binder; Uni Graz)
2. Lokale bis internationale Dimension
Das Liberation Art Project bringt nicht nur Exemplarisches regional zu Tage und ins Gespräch, sondern auch
- langfristige Verhaltensweisen nach einem enormen politischen Umbruch;
- in Österreich damit das Opfer-Täter-Thema.
- Es ist also auch von Interesse im Zusammenhang mit den Umwälzungen nach dem Zusammenbruch des Sowjetreichs oder Tito-Jugoslawiens;
- also etwa mit Blick auf Entwicklungen in der Ukraine, in Slowenien usw.
Konkret stellt es in Frage
- wie die österreichische Gesellschaft der Konkordanzdemokratie von 1945 bis heute zwar die eigenen Opfer in den Vordergrund stellt und damit oft die eigene Nazi-Vergangenheit verdrängt;
- dass der Befreier (der alliierten Soldaten, der Österreicher in der Tito-Armee und der österreichischen Widerständler) kaum gedacht wird;
- dass Artikel des österreichischen Staatsvertrags von 1955 nur mühsam oder gar nicht umgesetzt wurden, so dass die slowenische Minderheit in Kärnten und auch in der südlichen Steiermark nicht zu ihrem Recht kommen konnte;
- dass formelhaft „das Eigene“ überbetont und „das Fremde“ gering geschätzt wird;
- dass derart implizit und bisweilen unbewusst im Sinne extremrechter Populisten argumentiert wird;
- dass der „Heimat“-Begriff konservativen bzw. rechtsextremen Populisten überlassen und medial in erster Linie mit einer Feier- und Fest-Oberfläche abgedeckt wird.
Vor welchen Herausforderungen und Schwierigkeiten eine Gesellschaft steht, die sich dem Umgang mit dem Fremden, dem „Anderen“ verschließen will und Fragen des internationalen Zusammenlebens sowie der Migration nicht wirklich stellt, erleben wir auch heute täglich.
Gefordert ist nicht nur eine Toleranz, sondern auch eine intensive Beschäftigung und Debatte. Gegenüber einem menschlichen Konservativismus, der sich reflexartig zunächst des „Eigenen“ besinnt, kann die Kunst im günstigen Fall andere Sichtweisen und Perspektiven eröffnen. Dadurch mag Kunst wohl unbequem sein – aber ob Kunst nicht auch, zumindest mitunter, unbequem zu sein hat? Und ob nicht eine Verständigung über Grenzen hinweg immer Unbequemlichkeiten mit sich bringt?
3. Totalitäre Vergangenheit, eigenmächtige Gegenwart: eine Antwort der Kunst und des internationalen Denkens
Der Nationalsozialismus hat eine Politik des Hasses und der Menschenvernichtung kriegerisch durchgeführt.
Zeichen seiner Ansätze, seiner Entwicklung und seiner Auswirkungen sind im heutigen Pöllau öffentlich präsent und haben Signalwirkung:
- Die militant rassistischen Worte eines Ottokar Kernstock klingen im Namen der Musikkapelle an (in Folge der ersten öffentlichen Auftritte des Liberation Art Project steht dieses Ensemble, das vor ein paar Jahren als beste Blaskapelle Österreichs prämiert wurde, in einer Debatte zu Namenänderung) – Kernstock-Gedächtnisorte gibt es einige im Bezirk, in Hartberg eine Kernstock-Volksschule;
- ein Symbol der kriegerischen Ideologie ist auf der Turnhalle zu sehen;
- die tödlichen Auswirkungen auch auf die heimische Bevölkerung sind durch das Kriegerdenkmal dargestellt, das um einen Ritter als Drachentöter gruppiert ist.
Der Befreier wird hingegen nirgendwo gedacht. Auch nicht der Widerständler und der Opfer des Nationalsozialismus (ein ähnliches Problem melden die Medien aus Kemeten, Burgenland).
Das Liberation Art Project will eine künstlerische Auseinandersetzung mit dieser Thematik vor Ort, im Ort Pöllau, mit Wirkung auf die Umgebung, bis Graz und Wien, und – mit den geladenen Künstlern und Künstlerinnen, mit Ausstellungen und Auftritten – auch auf ferne Weltgegenden ermöglichen und unterstützen.
Seit Josef Schützenhöfer das Liberation Art Project zu konzipieren begonnen hat, erleben wir – immer intensiver in den letzten Monaten – exemplarisch ein selbstzentriertes Verhalten einer österreichischen Gesellschaft.
Sie stellt die Formeln ihrer geruhsamen Geschichtslosigkeit gegen historische Wurzeln, auf denen sie fußt. Mit ihren Sprüchen gelangen Widersprüche an die Oberfläche: Die Vergangenheit möge man ruhen lassen – nur das Kriegerdenkmal und andere Signale rassistischer Gewalt stehen fest und erhalten Oberhoheit über das Ortszentrum.
Die Alliierten haben 1945 dieses Land befreit, wenn auch nicht die Menschen – glaubt man den Reaktionen hiesiger Gemeindevertreter. Als Autoritäten sehen sie nicht Demokratie und Freiheit der Kunst, sondern Kameradschaftsbund (militantes Auftreten eines Veteranenvereins) und eine Harmonie des Eigenen. „Künstler“, das klingt für sie nach Unruhe.
Kernstock, den Dichter des Hakenkreuzliedes, würde ja niemand mehr kennen, lautet einer der Sprüche. Als hätten Namen nicht symbolhafte, identifikatorische Bedeutung. Als gäbe es keine internationale Rezeption.
Bei Drago Jan?ar, dem international wohl renommiertesten slowenischen Schriftsteller von heute, zum Beispiel. In seinem Band Brioni, der auf Deutsch 2002 bei Folio erschien, gibt es einen Essay mit dem Titel Lieber rauchgeschwärzte Trümmer... – es ist ein Kernstock-Zitat. Jan?ar schreibt, sich zunächst auf das Ende des 19. Jahrhunderts beziehend: „Die Literatur hat beim Zerfallen der Nachbarschaft als Lebensform eine bedeutende, wenn nicht die entscheidende Rolle gespielt.“ Um dann soziale Gründe zu nennen: „Es ist eben nicht normal, wenn zum Beispiel in Krain, wo die Bevölkerung nach amtlichen österreichischen Zählungen zu mehr als neunzig Prozent aus Slowenen bestand, die entscheidenden Posten in der Verwaltung ausschließlich von deutschsprachigen Landeskindern bekleidet wurden. Und doch spielte sich der Kampf im Bereich der Kultur ab, hier wurde der Boden für die spätere physische Gewalt, für Vertreibung, für Ausrottung gelegt.“
Zum Beispiel von Ottokar Kernstock. Jan?ar weiter: „Ein deutscher Dichter aus Marburg, Ottokar Kernstock [...] liebte lyrische Stimmungen, aber haßte aus dem Grunde seines Herzens seine slowenischen Mitbürger in Stadt und Land. Neben vielen sanften und schmachtenden Versen hat er auch diese verfaßt:
Laßt die wilden Slawenheere
Nimmermehr durch Marburgs Tor,
lieber rauchgeschwärzte Trümmer
als ein windisch Maribor.
So Drago Jan?ar 2002. Zehn Jahre später, 2012, wird Maribor/Marburg europäische Kulturhauptstadt sein. Mit dem Liberation Art Project bemühen wir uns um eine Zusammenarbeit.
Die Pöllauer Kernstockkapelle wird allerdings dort nicht auftreten können. Das Blasensemble mit anderem Namen sehr wohl...
Auf die bodenständigen eigenmächtigen Geschichtsbilder und aktuellen Behinderungen der Freiheit der Kunst antworten wir mit dem Liberation Art Project, einem Kunstprojekt, das zugleich ein gesellschaftliches Projekt ist, und mit internationalem Denken.
4. Ein künstlerisches und ein gesellschaftliches Projekt
Über dasLiberation Art Project wurde 2011 in österreichischen Medien (insbesondere anlässlich der Konflikte mit Bürgermeister und Gemeinderat der Marktgemeinde Pöllau) berichtet. Im Juni 2011 haben wir es in Pöllau vor 200 Personen öffentlich präsentiert, danach das Kunstwerk-Denkmal Liberation 45 enthüllt.
Aktuell umfasst das Projekt:
- das von Josef Schützenhöfer mit Will Contino, Emily Hines und Douglas Hoagg (USA) geschaffene Kunst-Mal Liberation 45 (zweiteilig; etwa 3 Meter hoch, 1,5 Meter breit);
- den Fundus Liberation Art Project = jeweils mindestens 1 Werk jedes Stipendiaten, jeder Stipendiatin – aktuell: von den 3 Künstlern und der Künstlerin geschaffene Werke zum Themenkomplex (Krieg – Friede; Gegeneinander – Miteinander; Aggression – Kooperation...);
- einige Teile des Dokumentarfilms Preis der Freiheit: Josef Schützenhöfers Recherchen über die im Pöllauer Tal 1944 abgestürzten US-Flugzeuge und ihre Insassen; Besuch bei Überlebenden; Besuch der 1944 überlebenden US-Flieger Robert Otto und William Sutton in Pöllau (2008, 2011);
- die Library of Friendship (konzipiert von Josef Schützenhöfer, Barbara Edlinger und Joachim Baur): der Alfred University, N.Y., wurde eine Bibliothek mit Kunstbüchern geschenkt – sie soll weiter bestückt werden;
- Photo-Installation „Opfer – Täter“, Diashow „Enthüllung LIBERATION 45“ von Ruth Anderwald und Leonhard Grond;
- eine Dokumentation der Genese des Projekts und der Reaktionen;
- ein von Gerhard Ruiss, IG Autorinnen Autoren, und Klaus Zeyringer initiiertes Personenkomitee zur Unterstützung des Liberation Art Projects: mit über 100 UnterstützerInnen: prominenten Bildenden Künstlern, Jazzmusikern, Kulturvermittlern, Industriellen, Teamfußballern und u.a. Elfriede Jelinek, Alfred Dorfer, Barbara Frischmuth, Karl-Markus Gauß, Josef Hader, Daniel Kehlmann, Robert Menasse, Martin Pollack, Gerhard Roth, Franz Schuh, Juri Andruchowytsch (Ukraine), Dževad Karahasan (Sarajevo u. Graz), Aleš Šteger, Drago Jan?ar ...
- Dem Personenkomitee wird regelmäßig berichtet; die UnterstützerInnen mögen jährlich ein Kunstbuch für die Library of Friendship spenden – Persönlichkeiten aus dem Komitee werden sich an Veranstaltungen etc. beteiligen...
4. Ziele
- Einen internationalen künstlerischen, gesellschaftliche Beitrag zur Debatte um die Vergangenheit nach großen Umbrüchen zu leisten;
- mittels eines vielschichtigen Projekts und einer „sozialen Skulptur“ Debatten zu den Oberthemen Miteinander/Gegeneinander; Heimat/Fremde; Krieg/Frieden zu fördern;
- internationalen Austausch (nicht nur) darüber, internationale Verbindungen zu fördern, nicht nur auf der Ebene von Kunst, Photographie, Literatur, Musik...
- Kunst, Literatur etc. in einer tatsächlichen gesellschaftlichen Relevanz zu beleben...
